Bericht über die Internationale Tagung 2026 am Goetheanum
Fünf Tage mit Vorträgen, künstlerischen Erlebnissen, Arbeitsgruppen und Begegnungen zwischen rund 400 Menschen aus vielen Ländern.Lesen Sie hier von den Eindrücken von Ulrike Panhorst.
Foto: privat
Die diesjährige Herbsttagung der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum in Dornach stand unter dem Thema «Fülle und Grenzen – Übergänge als Chance». Das Programm bot eine Fülle von Impulsen – so viele, dass die Wahl schwierig wurde und das Verarbeiten der Fülle von Impulsen und Gedanken seine Zeit braucht. Doch gerade die Spannung zwischen Überfluss und Begrenzung zog sich wie ein roter Faden durch die Tage.
Engagierende Vorträge
Matthias Rang, Co-Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion, eröffnete mit seinem Vortrag «Vom Licht in die Wärme» einen Raum zum Nachdenken. Er lud dazu ein, zu erkunden, wie wir von der Erkenntnis zum Handeln gelangen, von dem, was wir sehen und verstehen, zu dem, was zwischen Menschen lebendig und wirksam wird.
Im Gespräch zwischen Janet Manoni aus Tansania und Sektionsleiter Jan Göschel mit dem Titel «Das Geheimnis des Kindes: Sein, Dazugehören und Werden» richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung des Kindes und die grundlegenden Bedingungen menschlichen Lebens. Sein, Dazugehören und Werden – drei einfache Formulierungen, die große Fragen in sich tragen. Wie begegnen wir dem Kind so, wie es ist, und schaffen zugleich Raum für den Menschen, der es gerade wird? Und welche Bedeutung hat die Gemeinschaft und die Beziehung zu den Ahnen und Vorfahren für diese Entwicklung aus dem Blick der Kultur Tansanias?
Rolf Heine, u. a. Mitarbeiter der Medizinischen Sektion, griff mit seinem Vortrag «Altwerden und Sterben als Sonnenaufgang» einen weiteren grundlegenden Übergangsbereich auf. Der poetische Titel eröffnete die Möglichkeit, Alter und Tod aus einer anderen Perspektive zu betrachten als jener, die uns in einer Gesellschaft begegnet, in der vor allem Aktivität, Produktivität und Selbstständigkeit geschätzt werden. Auch die letzte Lebensphase birgt Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen für menschliche Nähe und Austausch.
Rolf eröffnete seinen Vortrag mit Worten von Rumi: «Es gibt hunderte Arten, die Erde zu küssen.» Wir können uns alt fühlen, weil wir der Kategorie ‹die Alten› zugeordnet werden oder weil wir aus der Welt um uns herum herausfallen. Kann der Mensch seine Lebensprozesse auf seelischer Ebene verwandeln? Was den physischen Körper betrifft, beginnt der Abbauprozess nach dem 27. Lebensjahr. Die Seele jedoch kann einen anderen Weg gehen und zu einem würdevollen Alter reifen. Rolf betonte, dass das Sterben tatsächlich ein Lebensprozess ist – ein Neubeginn, ein Schwellenereignis.
Zum Abschluss seines Vortrags präsentierte er auf der Bühne eine unglaublich schöne ‹Waschung›. Sie schuf einen beinahe heiligen Augenblick, in dem Stille herrschte und der gesamte Saal vollkommen aufmerksam war.
Tim Jackson, Wissenschaftler und Berater der britischen Regierung, der mehrere Bücher zu diesem Themenbereich veröffentlicht hat (Prosperity Without Growth, Post Growth, Care Economy), weitete den Blick auf weltwirtschaftliche Fragen: Wie sieht eine Wirtschaft aus, die den Menschen und dem Planeten gleichermaßen dient? Er vertritt die These, dass Wirtschaft als Fürsorge gelebt werden KANN! Tim vermittelte seine Erkenntnisse über Fürsorge und Wirtschaft auf eine ausgesprochen mitreißende Weise. Im Zusammenhang mit Bildern aus der griechischen Mythologie und aus Goethes Faust und mit vielen ungewohnten Zugängen sprach er über FÜRSORGE als Aufmerksamkeit, als heilende Kraft, als Investition, als etwas Lebensnotwendiges und als Freiheit.
Joan Sleigh aus Südafrika führte viele dieser Fragen in ihrem Vortrag «Übergänge von Grenzen zur Fülle – Krisen als Chancen» zusammen. Grenzen gehören sowohl zum menschlichen Leben als auch zur Wirklichkeit von Gemeinschaften. Sie können schmerzhaft sein, aber sie können uns auch zeigen, wo wir neue Wege finden müssen. Mit ihren Gedanken beleuchtete sie das aufrüttelnde Unbehagen, das Schwellenereignisse mit sich bringen, und dass das ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu Veränderung, möglicherweise sogar Verwandlung, ist. Vielleicht geht es nicht immer darum, Grenzen zu beseitigen, sondern darum, zu lernen, uns anders zu ihnen in Beziehung zu setzen.
Begeisternde Kunst
Das künstlerische Programm verlieh den Tagen einen eigenen Rhythmus und eine besondere Qualität. Annemiek van der Ven eröffnete jeden Morgen mit gemeinsamem Singen. Die Stimmen, die den Großen Saal des Goetheanum erfüllten, konnten unmittelbar erfahrbar machen, was es bedeutet, Teil von etwas Größerem zu sein, ohne die eigene Stimme zu verlieren.
Das Goetheanum-Eurythmie-Ensemble präsentierte ein abwechslungsreiches und anspruchsvolles Programm. Besonders faszinierend war Krzysztof Pendereckis Prelude für Klarinette solo. Die Komplexität der Musik wurde sichtbar, als vier Eurythmistinnen und Eurythmisten auf der Bühne das Werk bewegten. Was zunächst wie eine Begrenzung wirken konnte – dass die Musik so anspruchsvoll war, um sie in Bewegung zu interpretieren –, wurde zum Ausgangspunkt eines lebendigen und faszinierenden Dialogs.
Und dann war da noch Le Théâtre Circulaire mit der Aufführung All-in-One mit fünf Artist:innen: unglaublich schön und unglaublich lustig! Lachen und Staunen bewegten das Publikum bis ins Innerste.
Fülle an Möglichkeiten – und die Notwendigkeit, zu wählen
Die Tagung war von Fülle geprägt. Sonja Zausch aus dem Leitungsteam der Sektion, hauptverantwortlich für die Organisation und Koordination der Herbsttagung, moderierte diese mit Humor und Klarheit und fing alle unerwarteten Momente auf. Die Vormittage waren den Vorträgen und Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen gewidmet. In den Mittagspausen konnte man an den Open Spaces teilnehmen, in denen Fragen und Initiativen auf spontanere Weise weiterentwickelt werden konnten. In einem dieser Open Spaces gab Bart Vanmechelen aus dem Leitungsteam der Sektion den Impuls zur Initiation eines Berufsesoterischen Kreises. Dieser Kreis wird forschend arbeiten an der Beziehung unseres Arbeitsfeldes zu den Klassenstunden. Mitglieder der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, die im Arbeitsfeld der inklusiven sozialen Entwicklung tätig sind, wurden herzlichen eingeladen, auch in diesem Kreis tätig zu werden.
Die Nachmittage waren den Foren gewidmet, die zu einem großen Teil von bereits bestehenden Arbeitsgruppen innerhalb der Sektion gestaltet wurden. Sie kamen zusammen, um ihre Erfahrungen und ihre Arbeit mit weiteren Interessierten zu teilen.
Es gab viel auszuwählen, viele Menschen zu treffen und viele Gespräche fortzuführen. Ich entschied mich für die Arbeitsgruppe zum Thema «Innere Qualitäten: Verwandlung durch Bewegung und künstlerischen Ausdruck». Sie wurde von Roula Bsaibes und Sandra Rouhana geleitet, beide Mitarbeiterinnen von Step Together, einer Lebensgemeinschaft im Libanon. Trotz der herausfordernden Situation in ihrer Region schafft Step Together Kindergärten, Werkstätten, therapeutische Angebote und Lebensgemeinschaften, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Entwicklungsbeeinträchtigungen und ihre Begleiter:innen Unterstützung dabei finden, ihr Potenzial zu entfalten.
In den Nachmittagsforen zeigten die etablierten Arbeitsgruppen – beispielsweise Schulen für alle, Gemeinschaft im Gespräch, Eurythmie für alle und meine eigene Arbeitsgruppe «Spiritualität und Religion» – eine offene Geste – und zugleich, wie wichtig Kontinuität ist. Neue Impulse werden erst dann wirklich lebendig, wenn Menschen sie mitnehmen, erproben und mit ihren Erfahrungen aus der Praxis in Beziehung bringen. Eine internationale Tagung besteht daher nicht nur aus fünf Tagen der Inspiration, sondern ist auch Teil einer größeren, fortlaufenden Arbeit.
Gedanken auf dem Heimweg
Für uns, die wir in Camphill und anderen inklusiven Gemeinschaften arbeiten und leben, stehen die Fragen der Herbsttagung in engem Zusammenhang mit unserem Alltag. Wie schaffen wir Raum für die individuelle Entwicklung von Kindern und Erwachsenen? Wie begegnen wir dem Älterwerden und dem Ende des Lebens? Wie können wir die Erkenntnis verwirklichen, dass die Fürsorge für Menschen und unseren Planeten die einzige nachhaltige Grundlage für die Zukunft ist? Und wie können wir die Grenzen, denen wir begegnen, zum Ausgangspunkt machen, um neue Möglichkeiten zu entdecken?
Es ist nicht sicher, dass wir mit klaren Antworten nach Hause fahren. Vielleicht ist es wichtiger, mit neuen Fragen, einigen fruchtbaren Begegnungen und Impulsen zurückzukehren, die weiterwirken können.
Denn zwischen Überfluss und Grenzen besteht ein Wechselspiel. Das Gleichgewicht zwischen beiden muss immer wieder neu gefunden werden – von jedem Menschen und jeder Gemeinschaft. Es entsteht in der Begegnung zwischen dem, was wir wollen, dem, was uns möglich ist, und dem, was wir gemeinsam erschaffen können, Schritt für Schritt.
Ulrike Panhorst,
Mitglied der Camphill Movement Group, in Camphill Vidaråsen Landsby/Norwegen lebend
Fotos: Xue Li
Fotos: privat