Ein Bericht über die Arbeit in der Michaelschule Tbilisi/Georgien von Herbst bis Winter 2025
von Janette Gülker-Neuhaus und Markus Neuhaus, im Januar 2026
Fotos: privat
Drei Monate lang, von der warmen üppigen Michaelizeit bis zum Jahreswechsel, als auch in Tbilisi längst der erste Schnee gefallen war, arbeiteten wir fast täglich in der Michaelschule und waren Teil des Schullebens. Jeden Morgen um kurz vor 9 Uhr das Dila mshwidobißa – des Morgens Frieden – von vielen Seiten. Kinder, Jugendliche und Lehrerinnen fanden sich zum gemeinsamen Morgenkreis zusammen, draußen auf dem Schulhof. Erst im November, als auch die Heizung eingeschaltet werden musste, fand die morgendliche Runde unten im Foyer des Gebäudes statt. Anschließend gingen die Lehrerinnen mit ihren Schützlingen in die Klasse und wir begannen die Arbeit mit einzelnen Kindern. Das Kollegium hatte für uns eine Gruppe von Kindern zusammengestellt, deren Entwicklung und Problematik besondere Fragen und Sorgen aufwarfen.
Nachdem sie mit uns vertraut geworden waren, kamen sie alle sehr gerne, manche auch mehrmals täglich. Unsere Aufgabe bestand darin, jedes einzelne Kind, jeden Jugendlichen unvoreingenommen wahrzunehmen, um dann entsprechende heileurythmische Übungen und Gewohnheitsbildungen anzuregen. Häufig ging es darum, Tics und Zwänge aufzuweichen und das Wohlfühlen in der eigenen Leiblichkeit zu unterstützen. Wir erwiesen uns als gutes Team: Markus als Eurythmietherapeut und Janette als Protokollantin und heilpädagogische Beraterin. Jeden Tag arbeiteten wir mit acht bis zehn Schüler:innen und gaben regelmäßig kleine Rückmeldungen an die Lehrerinnen. In den Konferenzen am Donnerstag schauten wir gemeinsam mit dem Kollegium auf diese Kinder. Das war für alle ein befruchtender und anregender Austausch. Zeitweise gab es auch Gespräche mit den Eltern einzelner Kinder. Etwa Mitte November schlossen wir die Arbeit mit der ersten Gruppe von Kindern ab und konzentrierten uns nun auf andere, hauptsächlich jüngere Schüler:innen, wieder acht bis zehn, über den Tag verteilt.
Geheimnisvolle Kinderseelen und Schicksale begegneten uns. Und wieder bewahrheitete sich, was wir beide in langjähriger Arbeit geübt und erfahren haben: die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, und kleine Türchen oder Fenster zum Wesen des jeweiligen Menschenkindes zu finden. Das fällt bekanntlich mehr außenstehenden Menschen nicht selten leichter als Eltern oder Lehrerinnen, die tagein tagaus mit bestimmten Verhaltensweisen konfrontiert sind: Schreien, Tics aller Art, Verweigerungen, Zwänge bis hin zu aggressiven Ausbrüchen.
In manchen Fällen war es segensreich, dass wir mit einem Kind zu zweit in einem Raum waren. Es kam vor, dass wirklich vier Hände gebraucht wurden oder dass einer von uns den rettenden Einfall in einer verfahrenen Situation hatte.
Sehr deutlich erlebten wir, wie anspruchsvoll und wie herausfordernd viele der Kinder und Jugendlichen in der Michaelschule sind. Beeindruckend, mit welcher Liebe und Treue die Lehrerinnen zu ihren Schüler:innen stehen, auch wenn sie oft ratlos sind und manches, vor allem aggressive, Verhalten sie an ihre Grenzen bringt.
Unsere Bemühungen und die ausführlichen wöchentlichen Betrachtungen trugen dazu bei, neue Sichtweisen zu entwickeln, Mut und Zuversicht für die künftige Arbeit zu finden.
Die Michaelschule ist die einzige Schule in Georgien, die sich um die schulische Bildung von Kindern mit schweren geistigen Behinderungen bemüht. Es gibt einige Ressourcen, Schulen für Schüler mit intensiven Hör- oder Sehbeeinträchtigungen und wenige Förderschulen, die Kinder mit Lernproblemen unterrichten. Insgesamt setzt das Bildungsministerium seit Langem auf die Inklusion, was bedeutet, dass Kinder mit starken Behinderungen nur wenige Stunden in der Woche am Unterricht in einer normalen Schule teilnehmen. Eine Schulpflicht gibt es für schwerer behinderte Schüler nicht. Sie sind nach Ansicht der Behörden gut aufgehoben in den Day Care Centers.
Ein Teil der Kinder, die die Michaelschule besuchen, war für kurze Zeit im inklusiven Unterricht einer staatlichen Schule, wo sie kläglich untergingen. Immer wieder erzählten uns Eltern von ihrer langen Suche nach einem adäquaten Schulplatz für ihr Kind. Es war wunderbar zu hören, wie froh viele Eltern sind, die Michaelschule gefunden zu haben. An ihren Kindern erleben sie, dass das Konzept der heilpädagogischen Waldorfschule überzeugend ist: die Kompetenz der Lehrerinnen, ihr Engagement, ihre Liebe und Treue zu den Kindern, die regelmäßigen Veranstaltungen für die ganze Schulgemeinschaft und das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft.
Zu den herausforderndsten Kindern und Jugendlichen gehören zweifellos diejenigen mit einer Doppeldiagnose, einer schweren geistigen Beeinträchtigung in Verbindung mit einer psychischen Erkrankung. Da Markus eine Weile als Eurythmie-Therapeut auf psychiatrischen Stationen im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (Deutschland) gearbeitet hat, sprach ihn die Arbeit mit diesen Jugendlichen besonders an und er konnte einiges bewirken. Einen Jungen brachte er dazu, sich aus der Sprachlosigkeit in der Schule teilweise wieder zu befreien, und bei einer Jugendlichen gelang es, ihre permanente sexuelle Übergriffigkeit einzudämmen.
Im Gegensatz dazu bescherte uns das sogenannte «Kriminaltrio» eine ungewöhnlich schöne und lustige Arbeit. Drei junge Kinder mit Downsyndrom, die ihre erste Lebenszeit in einem Kinderheim verbrachten, bis eine Frau sie alle drei adoptierte - bewundernswert! Es war köstlich, ihre Eigenheiten kennenzulernen, ihre jeweiligen Stärken zu erleben, ihre Neugier und ihr Vertrauen ins Leben zu unterstützen. Zwei von ihnen sind sogar Zwillinge, ein Phänomen, das uns in vielen Jahren in der Heilpädagogik noch nie begegnet war – Zwillinge mit Downsyndrom!
Regelmäßig berieten wir uns mit der neuen Eurythmielehrerin der Michaelschule, die sich inzwischen gut eingearbeitet hat und sehr geschätzt wird. Sie wird bewährte Übungen aus der Heileurythmie in ihren Unterricht integrieren und mit einigen Kindern die therapeutische Arbeit weiterführen.
Jeden Montag und Freitag, zum Wochenbeginn und Wochenausklang konnten wir für die Schulgemeinschaft musizieren. Das liebten die Kinder sehr und manche tönten von Herzen mit. Auch wir hatten unsere Freude daran.
Nicht nur die Michael-Schulgemeinschaft hat uns in diesen Monaten so freundlich aufgenommen, sondern ebenso die Nachbarschaft im Hinterhof war uns wohlgesonnen und ließ uns an ihrem Leben ein wenig teilnehmen. Wir fühlten uns willkommen und heimisch. Didi madloba – vielen Dank, liebe Michael-Schulgemeinschaft und liebe Menschen in Murman Lebanidze St. 10!
Mit dieser intensiven Zeit wird die Begleitung und Unterstützung der Michaelschule offiziell abgeschlossen. Als Freunde werden wir bestimmt immer wieder vorbeischauen. Das Kollegium hat alles zur Verfügung, was für die Arbeit vonnöten ist. Für die Herausforderungen in der Zukunft ist das kompetente Schulleitungsteam gut gerüstet und Marina Schostak, die Begründerin der Schule, ist als guter sprühender Geist noch stets anwesend. Wirtschaftlich-finanziell wird die Schule dauerhaft auf Unterstützung angewiesen bleiben. Nana Göbel hat die schwierige Situation der Michaelschule seit Langem erkannt und sorgt mit den Freunden der Erziehungskunst dafür, dass eine regelmäßige finanzielle Unterstützung gewährleistet wird.
Ein besonders großes Dankeschön den Freunden der Erziehungskunst, die über Jahre die Fahrtkosten für diese Arbeit getragen haben! Neben der hilfreichen finanziellen Unterstützung haben wir darin das Vertrauen und die Wertschätzung der Freunde in unsere Arbeit erlebt. Nochmals danke!
Wir sind beide sehr dankbar dafür, dass das Leben uns diese Aufgabe zugespielt hat und wir sie im Namen der Freunde der Erziehungskunst tun durften.
P.S.: Nach Erhalt unseres Berichtes bezweifelte Nana Göbel zurecht, dass die unterstützende Arbeit in Zukunft nicht mehr nötig ist. Wir werden ihren Vorschlag gerne beherzigen, uns weiterhin für das Gedeihen der Michaelschule mitverantwortlich zu fühlen.