Von sozialer Isolation zur Kulturinsel
«Wenn du Wärme spürst in deinem Herzen, erinnerst du dich an uns.» – Ein Bericht zu 20 Jahre «Blagoe Delo» in Russland
Bericht und Foto: Brigitte Deck, Juni 2026
Die sozialtherapeutische Tagesstätte «Blagoe Delo» (Die gute Tat) liegt in Verch-Nejvinsk, einer Kleinstadt in der Region Sverdlovsk im Ural, 70 km nördlich der Universitätsstadt Jekaterinburg an der Grenze zwischen Asien und Europa.
«Blagoe Delo» entstand im Zusammenhang mit einer Ausbildung für Heilpädagogik und Inklusiver Pädagogik, die im Jahr 2001 in Jekaterinburg begann. Dies geschah durch eine Initiative vor Ort in Zusammenarbeit mit der Ost-Westgruppe des Vereins «Sofia» für Entwicklungsarbeit in Järna und dem Nordischen Verband für Heilpädagogik und Sozialtherapie (NFLS). In all diesen Jahren fuhren wir nach Jekaterinburg, zum Unterrichten und um neue Projekte zu unterstützen, die durch Studierende, welche die dreijährige Ausbildung absolviert hatten, entstanden.
Vera Simakova, eine der Leiterinnen der Ausbildung, gründete im Jahr 2005 die sozialtherapeutische Einrichtung «Blagoe Delo» in Verch-Nejvinsk, außerhalb der geschlossenen Stadt Novouralsk. In einem halb verfallenen Haus ohne jegliche soziale Unterstützung. Durch die Hilfe des Nordischen Verbands für Heilpädagogik und Sozialtherapie in Schweden sowie durch Stiftungen und Fördervereine aus Deutschland und den Niederlanden, konnte das Haus erworben und schrittweise renoviert werden. Dass das Seminar, jetzt mit Schwerpunkt Integrative Pädagogik, am Ort der praktischen Einrichtung stattfand, wurde zu einem großen Vorteil auch für alle Menschen in Blagoe Delo.
Zwischen den Jahren 2004 und 2015 reisten vier Gruppen des Seminars nach Järna, um an den nordischen Studientagen für Heilpädagogik und Sozialtherapie teilzunehmen. So wurden auch Studienbesuche in den verschiedenen Einrichtungen in der Umgebung Järnas möglich und zu einem unvergesslichen Erlebnis und Höhepunkt ihrer dreijährigen Ausbildung. Die meisten Kosten wurden vom Nordischen Verband für Heilpädagogik und Sozialtherapie getragen.
Durch die Ausbildungstätigkeit entstanden auch neue Kontakte zu den Städten Nizjnevartovsk und Surgut in Sibirien, wo Konferenzen und Seminare angeordnet wurden. Dieser Austausch über Kontinente führte zu unvergesslichen Begegnungen und Freundschaften zwischen Menschen aus weit verschiedenen Welten und Kulturen.
Seit dem Jahr 2015 erfolgt die Ausbildung in Zusammenarbeit mit der Universität und der Rudolf Steiner Hochschule in Norwegen und der Ural State Pedagogical University in Jekaterinburg.
Während der 20 Jahre seines Bestehens hat sich Blagoe Delo mehr und mehr zu einer Kulturinsel für Menschen mit verschiedenartigen Behinderungen, für Kriegsgeschädigte, für sozial isolierte Menschen oder solcher mit krimineller Vergangenheit entwickelt. Es wurde schon von Anfang an, nebst ersten Holz- und Textilwerkstätten, ein Theaterstudio geschaffen, wo diese Menschen lernten, ihre Gedanken und Gefühle in Worte auszudrücken und so langsam Rollen aus klassischen russischen Märchen und Erzählungen zu gestalten.
Ganz am Anfang im Herbst 2005 traf ich diese Menschen in dem abbruchreifen Haus. Sie saßen wie Schatten ihrer selbst zusammengekauert in einem Kreis, unfähig, miteinander zu kommunizieren, mit einer brennenden Kerze in der Mitte. Nach nur drei Jahren konnten wir dieselben Menschen zu uns nach Järna zur «Midsommarmöte» einladen, wo sich regelmäßig Menschen mit besonderen Bedürfnissen von allen nordischen Ländern zu einer festlichen Begegnung treffen. Unsere Freunde vom Ural kamen mit eigens gefertigten Kostümen angereist und führten eine Erzählung ihrer Heimat als Theaterstück auf.
So fanden mit der Zeit zwischen 60 und 70 Jugendliche und Erwachsene sowie Menschen in schwierigen Lebenssituationen die Möglichkeit zu einem sinnvollen und menschenwürdigen Leben in Blagoe Delo. Langsam entstanden weitere Werkstätten, ein Orchester und ein großer Gemüse- und Blumengarten. Im Laufe von nur einigen Jahren wurden aus diesen Menschen Persönlichkeiten, die Lebensfreude und Selbstsicherheit ausstrahlten und mehr und mehr zu Mitarbeitenden wurden. Einige von ihnen waren auch regelmäßig im praktischen Teil des Seminars engagiert.
Viele von ihnen tourten als Teilnehmende im Theaterstudio bis nach Moskau. Sie reisten auch nach Norwegen und Österreich, um dort an Konferenzen teilzunehmen. Durch Theaterreisen, Märkte und Festivals entstand eine neue Offenheit, lokal und regional, in einem Land, wo es noch immer nicht selbstverständlich ist, dass auch die Schwächsten und Verletzbarsten in der Gesellschaft ein Recht auf Bildung, Kultur, Pflege und menschenwürdige Behandlung haben. «Blagoe Delo» wurde so einem Publikum gezeigt, das applaudierte, weinte oder protestierte. Diese Kultur-und Informationsfestivals wurden in verschiedenen Distrikten Russlands durchgeführt. «Blagoe Delo» wurde im Fernsehen gezeigt und man konnte in Zeitungen und Pressekonferenzen davon hören. Als sie den Preis gewannen für das zweitbeste soziale Projekt Russlands im Jahr 2014 und den Preis für das beste Projekt 2015, wurden sie im ganzen Land bekannt.
Nun begann auch eine Zusammenarbeit mit der politischen und administrativen Leitung der Region Sverdlovsk, was dazu führte, dass Blagoe Delo zu einem Pilotprojekt für die ganze Region auserwählt wurde. Vera Simakova, die Leiterin von «Blagoe Delo», die in den Gouverneursrat gewählt wurde, führte ein Ausbildungsprogramm für 20 Leitungspersonen von sozialen Institutionen in der Region durch. Dies geschah in Zusammenarbeit mit dem Sozialdepartement und einigen Mitarbeitenden von Blagoe Delo. Projektleiter war Petter Holm (NO), Mitglied im Internationalen Ausbildungskreis der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung.
Im November 2012 organisierte «Blagoe Delo» den zweiten russischen Kongress für Menschen mit Assistenzbedarf in Jekaterinburg in Zusammenarbeit mit dem Sozialdepartement Sverdlovsk und dem russischen Verein für Heilpädagogik und Sozialtherapie. Es kamen 250 Teilnehmende aus 15 Regionen Russlands.
Während dieser ganzen Zeit hatte «Blagoe Delo» um seine Existenz zu kämpfen. Suchten sie staatliche Unterstützung, bekamen sie die Antwort: «Wenn ihr mit diesen Menschen arbeiten wollt, so ist die Finanzierung euer eigenes Problem.» Durch diese ganzen Jahre haben viele Stiftungen, Institutionen und Privatpersonen aus dem Westen zu Blagoe Delos Existenz und Entwicklung beigetragen. Das Seminar und die Verbreitung von Fachwissen in andere Regionen wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung vom Nordischen Verband für Heilpädagogik und Sozialtherapie. Mehr als 700 Sozialarbeiter:innen und Studierende haben das Seminar und andere Kurse absolviert in diesen 20 Jahren.
2010 bekam «Blagoe Delo» das erste Mal einen minimalen Beitrag vom russischen Staat. Darüber hinaus muss weiterhin Unterstützung für einzelne Projekte bei Stiftungen oder Wohltätigkeitsorganisationen beantragt werden. Die Einrichtung hat ein kleines Einkommen durch den Verkauf von eigenen Produkten aus Werkstätten, durch größere Bestellungen oder der Teilnahme an Märkten.
Es gab Zeiten, da musste die Küche geschlossen werden, weil kein Geld vorhanden war, um die Rechnungen für die Elektrizität zu bezahlen. Man war manchmal viele Monate im Rückstand mit den Löhnen und musste die Hälfte der Mitarbeitenden entlassen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz gab es immer einen unbeugsamen Willen, um für die Gleichberechtigung aller Menschen zu kämpfen und diesen Impuls weiter zu verbreiten.
Einige Jahre war «Blagoe Delo» damit beschäftigt, in Jekaterinburg den ersten Weltkongress für Menschen mit Behinderung 2017 vorzubereiten. Das kam zustande durch die Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft und den Regierungsstellen: Thomas Kraus (DE), Vera Simakova von «Blagoe Delo» (RU), Petter Holm (NO) in Zusammenarbeit mit dem Gouverneur und dem Sozialminister in Sverdlovsk. Die ganze Organisation für dieses gigantische Projekt fand in einem kleinen, renovierten Blockhaus in Blagoe Delo statt! Es kamen mehr als 700 Teilnehmende aus 29 Ländern der ganzen Welt. Die am weitesten Angereisten aus Neuseeland wurden mit einem besonderen Applaus begrüßt. Zur Eröffnungszeremonie im großen Sportpalast kamen ca. 1'300 Besucher:innen. Wer geglaubt hatte, dass die Stimmung gedrückt war in Anbetracht so vieler Menschen mit den verschiedensten Schwierigkeiten, hatte sich gründlich getäuscht. Vom ersten Augenblick an füllte sich dieses mächtige Gebäude mit Freude, Kreativität und sozialem Engagement. Schon bei der Einweihungszeremonie konnten wir Beispiele sehen, in denen sich die Teilnehmenden selbst übertrafen, sie kamen mit Rollstühlen und Prothesen auf die Bühne, um dann erstklassigen Tanz und Akrobatik zu zeigen. Jeden Morgen stellten sich verschiedene Gruppen vor mit künstlerischen Darbietungen wie Musik, Tanz, Gesang, Schauspiel, Malerei etc. Während der Podiumsdiskussionen war nicht die Rede davon, was die Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen tun solle, sondern im Gegenteil, was diese für die Gesellschaft tun können: «Wir müssen kämpfen mit unseren Schwierigkeiten und entwickeln dadurch Fähigkeiten, die wir unserer Gesellschaft geben können.» – «Wir müssen auch helfen können, nicht nur Hilfe erwarten.» – «Du trägst selber die Verantwortung für dein Glück.» – «Ich habe keine Beine, aber ich kann für meine Gesinnung und für meine Rechte stehen.»
Einer der Höhepunkte war der Besuch in der Philharmonie der Stadt. Es gab keine Fahrstühle im Gebäude, aber eine ganze Reihe von jungen, starken Männern standen bereit, um alle Rollstuhlfahrer:innen die zwei Treppen hinaufzutragen! Es war ein eindrucksvolles Erlebnis, diesen helfenden Händen zu begegnen, wohin man auch kam. Dank allen Organisator:innen, Freiwilligen, Leiter:innen der Arbeitsgruppen, Übersetzer:innen, Techniker:innen etc. war es möglich, dieses gigantische Abenteuer ohne nennenswerte Zwischenfälle durchzuführen. Die Medien begleiteten das ganze Geschehen, die Berichte und Darstellungen waren sehr positiv.
Der Weltkongress schloss ab mit einem russischen Ball in Großformat, in der Konzerthalle «Kosmos». Ein Theater der Stadt hatte für das große Eröffnungsdefilee Ballkleider ausgeliehen und alle Teilnehmenden hatten viele Wochen zuvor ihren Dresscode erhalten. Zusammen mit allen Freiwilligen, Delegierten, Organisator:innen etc. waren es über 1'000 Teilnehmende, die sich in den wunderbarsten Kleidern, Anzügen und Volkstrachten auf dem Parkett tummelten. Wie durch ein Wunder gab es Platz für alles und alle, auch für Rollstuhlfahrertanz. Die Stimmung war großartig und der Abend wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis für die Teilnehmenden aus aller Welt. Viele Erfahrungen und Adressen wurden ausgetauscht, viele neue Freundschaften geknüpft.
«Die Region Sverdlovsk hat gezeigt, dass sie im Stande ist, einen Dialog über Integration zu führen mit anderen Ländern. Wir können auch Fortschritte aufzeigen, sind aber erst am Anfang des Weges, wenn wir uns mit anderen Ländern in Europa vergleichen – aber der Weg, den wir gewählt haben, ist der Richtige.», das waren die Worte des Sozialministers bei seiner Ansprache während dem offiziellen Abschluss des Kongresses. Zum Schluss ertönte der gemeinsame Gesang «We are the world» (Michael Jackson) im Raum und Tauben flogen zum Himmel als Zeichen der Gemeinschaft zwischen Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Fähigkeiten und ihren Organisationen in der ganzen Welt.
«Wenn du Wärme spürst in deinem Herzen, erinnerst du dich an uns», sagte eine argentinische, neu gewonnene Freundin zum Abschied.
Ja, es war viel Wärme, die wir mit uns nach Hause trugen in alle Ecken der Welt, von dieser großartigen Manifestation für Kreativität, Frieden und Liebe.
«Blagoe Delo» arbeitet ständig weiter für Inklusion in der Kleinstadt Verch-Nejvinsk, die ca. 5'000 Einwohner:innen zählt. Ein laufendes Projekt, «Sociopolis», das 2021 begann, entwickelt sich zunehmend. Es wird begleitet und dokumentiert von Forscher:innen der Pädagogischen Universität Jekaterinburg. Das Modell wird unterstützt von russischen und europäischen Stiftungen sowie vom Sozialministerium und der Stadtverwaltung.
Zurzeit besteht es aus einem Komplex von kleinen Wohngebieten für Menschen mit Behinderungen mit Zugang für alle zu Arbeit, Kultur und angepasster Ausbildung, als eine Alternative für die geschlossenen Anstalten in Russland. Durch das Projekt «Betreutes Wohnen» bekommen Personen, die sich schon in «Blagoe Delo» befinden, und Menschen aus staatlichen Institutionen die Möglichkeit, ein selbständiges Leben zu führen. Sie lernen alles, vom Pflegen einer Wohnung bis zum Einkaufen, Kochen, Zurechtzukommen im öffentlichen Verkehr oder in kulturellen Institutionen etc. Zum aktuellen Zeitpunkt bekommen 14 Personen diese Unterstützung. Es haben sich bereits zwei Familien gebildet, die beide ihre eigene Wohnung kaufen konnten.
Die Stadtverwaltung, die eine Wohnung zur Verfügung gestellt hatte, half auch mit bei der Renovierung eines der schönen, alten Blockhäuser, die sich in der Stadt befinden. Dort ist jetzt Blagoe Delo’s Kulturzentrum. Seit einigen Jahren schon renoviert «Blagoe Delo» auch ein anderes, schönes historisches Holzhaus, das als Wohnhaus für sieben Bewohnende geplant ist. Die Bauarbeiten verspäten und erschweren sich leider aufgrund der aktuellen Lage, durch die alles viel teurer geworden ist.
In Blagoe Delos Kulturzentrum gibt es die Möglichkeit zu künstlerischen Aktivitäten sowie für Studien. Es werden Theatervorstellungen, Konzerte, Ausstellungen und Filmvorführungen ermöglicht und auch die Jahresfeste werden jetzt dort gefeiert. Man hat außerdem die Möglichkeit, Vorstellungen zu gestalten in Zusammenarbeit mit professionellen Künstler:innen und Studierenden der Theaterschule. Das Kulturzentrum ist jetzt ein Teil der Gesellschaft, ist offen für alle Einwohner:innen, für die nah gelegene Stadt Novouralsk und für alle sonstig Interessierten.
Hinter all dem steht Blagoe Delos unsichtbares, aber äußerst greifbares Kraftpotenzial, das aus der ganzen edlen Schar besteht, die während diesen 20 Jahren Hilfe gesucht und bekommen hat, die ihren Platz gefunden hat als tragende, bedeutungsvolle Mitarbeitende. Es gibt passionierte Menschen wie Vera Simakova, Petter Holm und einen langjährigen, treuen Mitarbeitendenkreis. Da sind auch die Mütter, die selbst eine Tochter oder einen Sohn haben mit speziellen Bedürfnissen.
So langsam kann man positive Veränderungen in der Gesellschaft wahrnehmen, was die Situation für Menschen mit Behinderung betrifft. Ein neues Gesetz macht es möglich, für Personen, die in den Werkstätten arbeiten, einen Lohn zu beziehen durch verschiedene Vereinbarungen. Die Möglichkeit, einen Arbeitsplatz zu bekommen, ist größer geworden. Man beginnt die Umgebung mehr barrierefrei zu gestalten. Es gibt jetzt auch Stiftungen, die nichtstaatliche Wohltätigkeitsorganisationen unterstützen. Die staatliche Unterstützung für «Blagoe Delo» hat sich deutlich verbessert, auch wenn sie nicht vergleichbar ist mit unseren nordischen Verhältnissen. Es ist doch eine grundlegende Unterstützung gewährleistet. Man kann mit Sicherheit sagen, dass «Blagoe Delo», zusammen mit gleichartigen Organisationen, deren Kulturfestivals, und nicht zuletzt der Weltkongress, zu dieser positiven Entwicklung beigetragen hat.
«Wir vermissen uns, unseren gegenseitigen, inspirierenden Austausch von Erfahrungen, unsere Abenteuer, unsere Lieder, unser Lachen. Wir vermissen uns als die Freunde, die wir waren und bleiben werden ungeachtet dessen, was geschieht. So wie es immer war, wir machen, was wir können unter den gegebenen Umständen», das schrieben neulich zwei der tragenden Mitarbeitenden.
Und was können wir tun «unter den gegebenen Umständen?»
Wenn du Wärme spürst in deinem Herzen, erinnerst du dich an uns.»